Auguste Victoria - die letzte deutsche Kaiserin

Thomas Parent

Im Ruhrgebiet erinnern zahlreiche Zechennamen an die preußische Geschichte im Industriezeitalter, u.a. Zollverein in Essen, Zollern in Dortmund oder Friedrich der Große in Herne. Die Zeche Auguste Victoria in Marl erlangte öffentliche Aufmerksamkeit, als sie 2015 – als zweitletztes deutsches Steinkohlenbergwerk – den Betrieb einstellen musste. Sie hieß nach der letzten deutschen Kaiserin, der Ehefrau Wilhelms II. Nach der endgültigen Schließung des Bergwerks wurde eine Bronzeskulptur der Monarchin feierlich vom Zechengelände in die Fußgängerzone von Marl-Hüls überführt.

Im Vorfeld kritisierte ein Internet-Kommentar diesen Festakt und fragte die Verantwortlichen provokativ: "Aus der Geschichte nichts gelernt? [...]. Durch die Thronbesteigung ihres Mannes am 15. Juni 1888 wurde Auguste Victoria Deutsche Kaiserin und Königin von Preußen. Sie gehörte zur Herrscherfamilie der Hohenzollern, die den Ersten Weltkrieg mit verursachten. Die Hohenzollern kämpften immer gegen die Sozialdemokratie, unter ihrer Herrschaft wurden die Sozialistengesetze beschlossen."

Wenngleich diese Kritik kein konkretes politisches Handeln der Monarchin in den Blick nimmt, regt sie dazu an, sich mit ihrer Biographie zu beschäftigen. Allerdings galt Auguste Victoria für die historische Forschung jahrzehntelang als uninteressant. Zu Lebzeiten hat sie der Volksmund als naiv-fromme „Kirchen-Juste“ belächelt, Otto von Bismarck hat sie angeblich als „holsteinische Kuh“ verspottet. In missgünstigen Adelskreisen wurde sie zuweilen als autoritär und hochnäsig angefeindet. Zudem kleide sie sich luxuriös, aber nicht immer stilsicher. Ihr Kunstgeschmack sei antiquiert, ihr geistiger Horizont sehr begrenzt. Noch während des Ersten Weltkriegs „hätte `die gute Kaiserin´ keine Ahnung gehabt, was ein Sozialdemokrat überhaupt ist“, kolportierte der linksintellektuelle Aristokrat Harry Graf Kessler nach Ausbruch der Novemberrevolution von 1918 und nannte eine Freundin der Kronprinzessin Cecilie als Gewährsfrau: „Es habe Mühe gekostet, ihr klarzumachen, dass Sozialdemokraten `nicht kleine Kinder fressen´.“ (zit. n. Machtan, 2006, S. 401, Anm. 165)

Demgegenüber verklärte die familiäre und höfische Erinnerungsliteratur die Monarchin jahrzehntelang als treusorgende Ehefrau eines ehrgeizigen Kaisers und als liebevolle Mutter von sieben Kindern. Hohes Lob fand auch das karitative Engagement der „Landesmutter“ von mehr als 50 Millionen Untertanen. Die Geschichtswissenschaft hat inzwischen herausgearbeitet, dass Auguste Victoria vor allem in der Endphase der Hohenzollern-Herrschaft eine gewichtige Rolle gespielt hat: „Diese Frau besaß in den Monaten, da das monarchische System in Deutschland versank, sehr viel mehr politisches Profil, sehr viel mehr Willensstärke und nicht zuletzt sehr viel mehr menschliches Format als ihr Mann“ (Machtan, 2006, S. 89).

Deutschlands letzte Kaiserin wurde 1858 als Tochter des Herzogs Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg in Schloss Dolzig (heute: Dłużek) im Kreis Sorau (Żary) in der Niederlausitz geboren. Ihr Vater konnte seine Herrschaft in den norddeutschen „Elbherzogtümern“ allerdings nicht ausüben, die damals vom dänischen König regiert und 1866 vom Königreich Preußen annektiert wurden. Auguste Victoria wuchs in Primkenau (heute: Przemków) in Niederschlesien auf und genoss dort neben einer bescheidenen schulischen Ausbildung (durch Hauslehrer) auch eine strenge religiöse Erziehung. Protestantischer Kirchenglaube und ein unbeirrtes Gottvertrauen sollten ihr fortan in nahezu allen Lebenskrisen Halt gewähren.

1881 heiratete sie den preußischen Prinzen Wilhelm, einen Mann von äußerst schwieriger Persönlichkeitsstruktur. Aufgrund der Verkrüppelung seines linken Arms war er körperbehindert und hatte als Kind unter der lieblosen Erziehung seiner Eltern stark gelitten. Er galt als hochintelligent und wissensdurstig, als pathetischer Redner und vielfältig interessierter Gesprächspartner, aber auch als egozentrisch und hypernervös. Nach einer anfänglichen Phase überschwänglicher Verliebtheit verlief die Ehe nicht eben glücklich. In den Jahren vor seiner Thronbesteigung (1888) verkehrte der spätere Kaiser zuweilen mit Wiener Prostituierten, später zog er eine intellektuell anregende Männergesellschaft dem Familienleben mit seiner Frau vor. Als Auguste Victoria schließlich eine stärkere Einbeziehung in seinen Lebensalltag forderte, wies er sie ab. Die eskalierenden Spannungen führten um 1900 bei der Kaiserin zu einer Nervenkrise. Ihre Abschiebung in eine „Kaltwasserheilanstalt“ stand zur Diskussion.

Die Monarchin bekam ihre psychischen Schwierigkeiten aber in den Griff und sollte sich in den späten Ehejahren als „starke Frau“ an der Seite des zunehmend labilen Kaisers bewähren. Das zeigte sich erstmals 1908, als Wilhelm II. nach einem übel missglückten Interview mit der britischen Zeitung „Daily-Telegraph“ unter dem Shitstorm der öffentlichen Meinung einen Nervenzusammenbruch erlitt und ernstlich an Abdankung zugunsten seines ältesten Sohns dachte: „Die Kaiserin alleine hätte ihn davon abgehalten“, hieß es später: „Ohne diesen Zuspruch hätte die Weltgeschichte einen anderen Verlauf genommen“. (Bunsen, S. 85)

Die Kaiserin und ihre sechs Söhne. Links neben der Mutter der Kronprinz, rechts neben ihr August Wilhelm, ganz rechts Joachim. Ansichtskarte aus den Weltkriegsjahren, Archiv Thomas Parent.

Zwischen 1882 und 1892 gebar Auguste Victoria sechs Söhne und eine Tochter. Mit großer Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit widmete sie sich dieser Kinderschar. Die Erziehung verlief allerdings nicht immer problemlos. Die Kaiserin sah sich im Umgang mit manchen Konfliktsituationen überfordert und ignorierte z.B. die erotischen Eskapaden des Kronprinzen und die Homosexualität ihres vierten Sohns August Wilhelm. Als Sorgenkind der Familie galt ihr jüngster Sohn Joachim, der seelisch unheilbar krank war und sich 1920 das Leben nahm. Zuvor hatte er geklagt, sein Lebensglück sei bereits zerstört worden, als seine Mutter ihm 1913 die gewünschte Liebesheirat mit einer katholischen Prinzessin aufgrund von konfessioneller Rigidität verboten habe. Die Monarchin litt schwer unter diesem Selbstmord, der nach ihrer religiösen Überzeugung eine gravierende Sünde darstellte.

Auguste Victoria, die vergleichsweise bescheiden aufgewachsen war, fand durchaus Gefallen am Glanz und Luxus ihrer repräsentativen Stellung als „First Lady“ des Kaiserreichs. Mehrfach begleitete ihren Ehemann bei Staatsbesuchen ins Ausland oder auch bei offiziellen Reisen in preußische Provinzstädte. So war sie z.B. 1900 in Wuppertal, wo eine Probefahrt mit der Schwebebahn (in einem prunkvollen „Kaiserwagen“) auf dem Programm stand. Zwei Jahre später galt ein Besuch den Städten Aachen, Krefeld und Moers. Bereits 1896 weilte Auguste Victoria - ohne ihren kurzfristig erkrankten Gatten - in Wesel, wo sie an der Einweihung der grundlegend restaurierten Willibrordi-Kirche teilnahm.  Danach fuhr sie über Duisburg nach Essen und besichtigte dort u.a. den Tiegelstahl-Schmelzbau und die Kanonenwerkstatt des Krupp-Konzerns. Fortan pflegte sie freundschaftliche Kontakte zu der prominenten Industriellenfamilie. Noch im Juni 1917 war sie ein letztes Mal in Essen und besuchte dort vorwiegend Werksabteilungen, in denen weltkriegsbedingt weibliche Arbeitskräfte beschäftigt waren. Bei dieser Gelegenheit vertiefte sie offenbar ihre Freundschaft zu Bertha Krupp von Bohlen und Halbach. „Meine Frau liebt sie geradezu“, urteilte Wilhelm II. ein Jahr später: „und das kommt selten vor.“ (zit. n. Görlitz, S. 411)

Die „Lage der arbeitenden Klassen“ hat Auguste Victoria durchaus zur Kenntnis genommen und fühlte sich herausgefordert. Zunächst versuchte sie, durch persönliche Hilfeleistungen Leid zu lindern, bald aber auch durch professionelles Engagement. Sie kümmerte sich um die Resozialisierung von Strafgefangenen, um die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, um eine Verbesserung der Mädchenbildung, bis hin zum Hochschulstudium für Frauen.

Auguste Victoria mit zwei Arbeiterkindern im Industriegebiet. Die fürsorgliche Landesmutter trägt Hermelin und reichen Perlenschmuck. Ansichtskarte nach einem Gemälde des Hofmalers Artur Fischer, Anfang 20. Jahrhundert, Archiv Thomas Parent.

Auf der Basis ihrer pietistischen Frömmigkeit entwickelte Auguste Victoria ein eigenes Konzept zur Lösung der sozialen Frage: Glaubensfestigkeit und Kirchentreue sollten die Industriearbeiter und ihre Familien vor Unordnung, Leichtsinn und Trunksucht schützen. Um dies zu fördern, organisierte sie ein Kirchenbauprogramm und ließ – mit Schwerpunkt auf Berliner Arbeitervierteln – zahlreiche evangelische Gotteshäuser errichten. Angegliedert waren Sozialeinrichtungen wie Diakonissenstation, Volksküche oder Kinderbewahranstalt. Die letzte (und angeblich einhundertste) „Kirche der Kaiserin“ wurde 1913 in Gerolstein eingeweiht ("Erlöserkirche"), ein prunkvolles Baudenkmal, das den protestantisch dominierten Hohenzollern-Staat in der tiefkatholischen Eifel symbolisieren sollte. 

In der Endphase der deutschen Kaiserherrschaft wirkte Auguste Victoria als entscheidende Stütze ihres zunehmend labilen Ehemanns. Im Ersten Weltkrieg zählte sie zu den Hardlinern und votierte entschieden für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, eine fatale Entscheidung der Reichsleitung auf Druck der Obersten Heeresleitung, die den Kriegseintritt der USA nach sich zog. Bei einem ihrer zahlreichen Lazarettbesuche wurde die Landesmutter 1915 unvermittelt mit der brutalen Kriegswirklichkeit konfrontiert: Sie fragte einen Soldaten, dem beide Beine amputiert werden mussten, ob sie ihm einen besonderen Wunsch erfüllen könne. „Ich habe nur einen Wunsch“, antwortete der Verwundete: „dass einer Ihrer Söhne auch so daliegen würde wie ich!“ Die Kaiserin war über diese direkte Antwort so überrascht, dass sie „Herzzustände“ bekam. (Gabriele von Alvensleben, Oberhofmeisterin der Kronprinzessin, Tagebucheintrag vom 21.7.1915, zit. n. Kirschstein, S. 137 f.)

Die Kaiserin bei einem Lazarettbesuch. nach einem Gemälde von Artur Fischer, Archiv Thomas Parent.

Bis kurz vor Kriegende wehrte sich Auguste Victoria energisch gegen eine konstitutionelle Verfassungsreform und erklärte noch im Herbst 1917, „dass sie lieber auf dem Schafott sterben würde als die Macht der Krone geschmälert sehen zu wollen.“ (zit. n. Machtan, 2016, S. 124) Ein Jahr später sabotierte sie eine rechtzeitige Abdankung ihres Mannes zugunsten seines ältesten Enkels; durch einen solchen Schachzug wollte der Reichskanzler Max von Baden damals - im Einvernehmen mit dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert - die Hohenzollern-Herrschaft in Preußen und Deutschland retten.

Nach Ausbruch der Revolution verkündete der Kanzler am 9.11.1918 unautorisiert den Thronverzicht von Kaiser und Kronprinz. Am Folgetag floh Wilhelm II. nach Holland. Auguste Victoria musste ihr politisches Scheitern akzeptieren und verlor kurzfristig sogar ihr gewohntes Gottvertrauen. Am 27.11.1918 verließ sie Deutschland für immer und folgte ihrem Ehemann ins Exil. Nach schwerer Krankheit starb sie am 11.4.1921 auf Haus Doorn bei Utrecht.

Ihr hundertster Todestag gibt 2021 Anlass zu einer kritischen Würdigung: Entgegen der landläufigen Meinung - von Freund und Feind kolportiert – war Auguste Victoria keineswegs uninteressant bzw. bedeutungslos für die preußische und deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die fürsorgliche Kaisergattin und sozial engagierte Landesmutter besaß Ehrgeiz und politischen Einfluss! Dabei war ihr geistiger Horizont von einer dogmatischen Religiosität geprägt, die keinerlei Zweifel am „gottgewollten“ autoritären Herrschaftsanspruch der Hohenzollerndynastie zuließ. Diese Engstirnigkeit bewirkte eine strikte Abwehrhaltung gegenüber allen zeitgemäßen Forderungen nach einer Liberalisierung der Gesellschaft und einer Parlamentarisierung der Regierung. Im Dienst ihrer kompromisslosen Verteidigung dieses Herrschaftsanspruchs hat Auguste Victoria in der Endphase des Kaiserreichs eine problematische politische Rolle gespielt und dabei - ungewollt - zum endgültigen Sturz der Monarchie beigetragen.

Zum Autor:

Dr. Thomas Parent. Dissertation über die „Kölner Abgeordnetenfeste“ im preußischen Verfassungskonflikt (Köln 1982). 1979-1980 Volontariat bei den Historischen Museen der Stadt Köln. 1981-1982 Wissenschaftlicher Sekretär im Planungsbüro einer projektierten NRW-Landesausstellung in Essen. 1983-2013 Stellv. Direktor des LWL-Industriemuseums in Dortmund. Forschungsschwerpunkte: Industriegeschichte des Ruhrgebiets, deutsch-polnische Geschichte, Geschichte der Glasherstellung, Industriekultur, Museologie.

Literatur:

Jörg Kirschstein: Auguste Victoria. Porträt einer Kaiserin, Berlin-Brandenburg 2021.

Randy Fink: Auguste Viktoria. Die letzte deutsche Kaiserin, Wiesbaden 2021.

Thomas Parent: Auguste Victoria. Frau und Mutter, Landesmutter, Kaiserin. Zur Biographie der Namenspatronin der zweitletzten Zeche des Ruhrgebiets, in: Märkisches Jahrbuch für Geschichte 117 (2017), S. 103-154.

 

Die Zitate im Text stammen aus folgenden Veröffentlichungen:

Http://www.lokalkompass.de/leute/statue-von-auguste-viktoria-deutsche-kaiserin-und-koenigin-von-preussen-wird-in-marl-neu-enthuellt-d717850.html (Zugriff am 22.5.2021)

Marie von Bunsen: Zeitgenossen, die ich erlebt, Leipzig 1932, S. 85.

Walter Görlitz: (Hg.): Regierte der Kaiser? Kriegstagebücher, Aufzeichnungen und Briefe des Chefs des Marine-Kabinetts Admiral Georg Alexander von Müller, 1914-1918, Göttingen 1959.

Lothar Machtan: Die Abdankung. Wie gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen, Berlin 2008.

Lothar Machtan: Der Kaisersohn bei Hitler, Hamburg 2006.

Gertrud Zillich: Die Heimfahrt unserer Kaiserin Auguste Viktoria.  April 1921, Bielefeld (3. Aufl.) 1923.

Weitere Informationen:

> Biografie von Auguste Viktoria 

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Plastik Auguste Victorias vor dem Bergbaumuseum in Marl, 17.10.2016, Foto: NRW-Stiftung/Stefan Ziese.