Gleiche Narren, gleiche Kappen

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Jakobinermütze (LVR-Niederrheinmuseum Wesel).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildeten sich die heutigen Festformen des rheinischen Karnevals heraus. Dahinter stand die Notwendigkeit die traditionellen Feierlichkeiten zwischen Dreikönigstag und Aschermittwoch in geregelte Bahnen zu lenken und der preußischen Herrschaftsordnung anzupassen. Denn der erste Rosenmontagszug in Köln lockte bereits im Jahr 1823 10.000 Schaulustige in die Domstadt und weckte die Aufmerksamkeit des Königs. Der öffentliche Maskenzug beinhaltete kirchliche Elemente, reichsstädtische Symbole und aktuelle politische Anspielungen. Die Thronbesteigung des Kölnisch-Wasserfabrikanten Emanuel Ciolina Zanoli (*1796 †1832) als „König Karneval“ stellte einen allgemeinverständlichen Angriff auf die Stellung des Herrschers dar, der im Anschluss der Feierlichkeiten verboten wurde. Nur ein Jahr später war aus dem „König“ der „Held Karneval“ und aus ca. 10.000 Zuschauerinnen und Zuschauern eine Massenansammlung von 50.000 Karnevalstouristen geworden.

Der rasante Aufstieg Kölns zum Vergnügungszentrum der noch jungen preußischen Rheinprovinz ging auf einfallsreiche Werbemaßnahmen der Allgemeinen Cölnischen Karnevalsgesellschaft (KG), eine aufwendige Festgestaltung und eine beginnende Kommerzialisierung der Karnevalsbräuche zurück. Das Gast- und Hotelgewerbe profitierte von der Anwesenheit zahlreicher Karnevalist*innen und der steigenden Mobilität in der Region. Krämer*innen und Kaufleute machten ein Geschäft aus der Fastnachtszeit, indem sie Karnevalsbriefpapier, Narrentabak und andere Erinnerungsstücke auf den Markt brachten. Dabei waren der Gestaltung durch den genuin mehrdeutigen Satire-Charakter des Karnevals keine Grenzen gesetzt, sodass so manche nicht ernst gemeinte Anspielung zu einem ernst zu nehmenden Politikum wurde. Die Narrenkappe diente beispielsweise sowohl als obligatorisches Erkennungszeichen, d.h. als Eintrittskarte für die Festveranstaltungen als auch als sichtbares „Symbol für die Gleichheit und Eintracht aller Narren.“ Mit dieser Bedeutung erinnerte das Tragen gleicher Kappen an die Ideale der Französischen Revolution, die in der zwanzigjährigen Zugehörigkeit der linksrheinischen Gebiete zu Frankreich (1794–1814) verbreitet worden waren. Obwohl die Idee einer gleichen Staatsbürgergesellschaft keineswegs der sozialen Realität entsprach, wurde sie vor allem im Vereinswesen nach 1815 aufrechterhalten. In Koblenz sah sie nach der Juli-Revolution und dem Hambacher Fest im Jahr 1834 aus wie eine blau-weiß-rote Jakobinermütze, in Köln nahm sie im Vorfeld der Revolution 1848/49 die Form einer preußischen Pickelhaube an. Als öffentlich sichtbare Ausdrucksform konnte sie somit als positive Erinnerung an vergangene bzw. bestehende Staatszugehörigkeiten oder aber als Verballhornung der jeweiligen Herrschaftszeichen interpretiert werden. In dieser Deutungsoffenheit lag die Chance zur Meinungsäußerung begründet, die im Vormärz vielfältig ergriffen wurde, um die Zensur zu umgehen und politische Veränderungen – wie zum Beispiel die Gleichheit – öffentlich einzufordern. Heute signalisiert sie in erster Linie die Vereinszugehörigkeit und bleibt in der Regel unverändert.

(Katharina Thielen, 10.2.2022)

Quellen und Literatur:

Bank, Matthias von der/Brog, Hildegard/Leifeld, Markus: ‚Freiheit und Gleichheit im Narrentum'. Das Bild Napoleons und Frankreichs im rheinischen Karneval des 19. Jahrhunderts, in: Theis, Kerstin/Wilhelm, Jürgen (Hg.): Frankreich am Rhein. Die Spuren der Franzosenzeit im Westen Deutschlands. Köln 2009, S. 95–117.

Brog, Hildegard: Was auch passiert: D’r Zoch kütt. Die Geschichte des rheinischen Karnevals. Frankfurt a. M. 2000.

Brophy, James M.: Popular culture and the public sphere in the Rhineland 1800–1850. Cambridge 2007.

Euler-Schmidt, Michael: Preußen Alaaf you! Kölner Karneval zwischen preußischer Ordnung und französischem Erbe, in: Lewejohann, Stefan/Pries, Sascha (Hg.): Achtung Preußen! Beziehungsstatus: kompliziert. Köln 1815–2015. Ausst.-Kat. Köln, Kölnisches Stadtmuseum, 29.05.–25.10.2015. Mainz 2015, S. 33–37.

Faber, Karl-Georg: Recht und Verfassung. Die politische Funktion des rheinischen Rechts im 19. Jahrhundert. Köln 1970.

Landeshauptarchiv Koblenz (LHAK), Best. 403 Oberpräsidium der Rheinprovinz, Nr. 2616 Carnevalsbelustigungen in den Rheinprovinzen.

Herres, Jürgen/Mölich, Georg/Wunsch, Stefan (Hg.): Quellen zur Geschichte der Stadt Köln, Bd. 3 Das 19. Jahrhundert (1794–1914). Köln 2010, S. 100–108.

Müller, Michael: Karneval und Politik. Zum Verhältnis zwischen Narren und Obrigkeit am Rhein im 19. Jahrhundert. Koblenz 1983 (mittelrheinische Hefte 9).

Frohn, Christina: ‚Löblich wird ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn' - Karneval in Köln, Düsseldorf und Aachen 1823-1914. Bonn 1999.

Frohn, Christina: Der organisierte Narr. Karneval in Aachen, Düsseldorf und Köln 1823 bis 1914. Marburg 2000.

Herres, Köln: Köln in preußischer Zeit 1815–1871. Köln 2012.

Owzar, Arnim: Liberty in Times of Occupation. The Napoleonic Era in German Central Europe, in: Planert, Ute (Hg.): Napoleon's Empire: European Politics in Global Perspective. War, Culture and Society 1750–1850. New York 2016, S. 67–83.


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Frühe Pickelhaube (LVR-Niederrheinmuseum Wesel).
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