Die Provinz etabliert sich – Selbstverwaltung und regionales Selbstverständnis

Die 50-jährige Zugehörigkeit der Rheinprovinz zum Königreich Preußen wurde 1865 mit großen öffentlichen Festakten in Anwesenheit des Königspaares und des Kronprinzen begangen. In Aachen erging am 15. Mai die Grundsteinlegung der ersten polytechnischen Hochschule in Preußen, der heutigen Rheinisch-Westfälischen TH. Ein Tag später wurde der Grundstein des Provinzialdenkmals für Friedrich Wilhelm III. auf dem Kölner Heumarkt gelegt. Das äußerlich harmonische Erscheinungsbild der Jubiläumsfeiern überdeckte tiefgreifende Divergenzen, die nach wie vor zwischen den Bewohnern der Provinz und dem preußischen Staat bestanden.

Rheinpreußen in seiner Vergangenheit und Gegenwart, Johann Baptist Sonderland nach Caspar Scheuren, Düsseldorf 1862-1865, kolorierte Lithographie © LVR-Niederrheinmuseum Wesel

Titel einer 27 Blätter umfassenden Folge: „Landschaft, Sage, Geschichte und Monumentales der Rheinprovinz“, gewidmet der Königin Augusta anlässlich der 50jährigen Zugehörigkeit der Rheinprovinz zu Preußen

Das Selbstverständnis der Rheinprovinz basierte auf einer kritischen Distanz zu Preußen. Verbindende Elemente dieses Selbstverständnisses waren der überwiegend katholische Charakter und die liberalen, fortschrittlichen Hinterlassenschaften aus der Zugehörigkeit zu Frankreich. Das beharrliche Eintreten für eigenes Recht und eine eigene Kommunalordnung sowie die konstitutionellen Forderungen prägten die Identität der Provinz. 

Diese wurde 22 Jahre nach dem Jubiläum mit einer neuen Provinzialordnung ausgestattet. Inzwischen waren gravierende Veränderungen vor sich gegangen. Der Prozess der Industrialisierung hatte sich rasant beschleunigt, und die Rheinprovinz war zusammen mit Westfalen endgültig zur wirtschaftlichen Hauptregion im Königreich Preußen geworden. Die ökonomische Potenz der beiden westlichen Provinzen trug wesentlich dazu bei, dem seit 1862 amtierenden Ministerpräsidenten Otto von Bismarck die Führung dreier siegreicher Einigungskriege zu ermöglichen. Erst der unerwartet schnelle und große nationalpolitische Erfolg versöhnte das gemäßigt liberale Bürgertum auch mit Bismarcks Innenpolitik. Die meisten rheinischen Wirtschaftsbürger hatten während des Verfassungskonflikts zwischen Krone und Parlament kurz zuvor noch in strikter Opposition gestanden und es mit der 1861 gegründeten linksliberalen Fortschrittspartei gehalten. Nun fanden sie eine neue politische Heimat in der abgespalteten Nationalliberalen Partei, die angesichts nationaler Einigung sowie wirtschaftlichen und außenpolitischen Erfolges eine ungenügende Parlamentarisierung im Bündnis mit Bismarck akzeptierte. 

Nach dem Krieg gegen Frankreich 1870/71 und der daraus hervorgehenden Reichsgründung verblassten die alten Konfliktlinien zwischen der Rheinprovinz und Preußen zusehends. Der neue deutsche Einheitsstaat war im Bewusstsein vieler Zeitgenossen das Zukunftweisende und Übergeordnete. Hatte der Rhein bereits in früheren Jahrzehnten einen besonderen Stellenwert als nationales Symbol besessen, so erfolgte nun auch im allgemeinen Bewusstsein die Konstruktion einer Provinz mit markantem nationalem Profil.

Die unter dem nunmehrigen Reichskanzler Bismarck durchgeführten massiven Kampagnen gegen die Sozialdemokratie und den Katholizismus („Sozialistengesetze“ und „Kulturkampf“) konnten diese Entwicklungen vorübergehend beeinträchtigen, aber nicht aufhalten.

Wegen des „Kulturkampfes“ kam es im Westen Preußens erst zu einer verspäteten Umsetzung bedeutender administrativer Änderungen. Mit mehr als zehnjähriger Verzögerung wurden hier die preußische Provinzialordnung von 1875 und die 1872 verabschiedete Kreisordnung eingeführt (Westfalen 1886, Rheinprovinz 1887).  Die neue Provinzialordnung übertrug den preußischen Provinzen im Rahmen der Provinzialverbände weitgehende Selbstverwaltungsbefugnisse im Hinblick auf Gesundheits- und Fürsorgewesen, Kulturpflege, Verkehrserschließung und Landesmelioration. 
Die Finanzierung war durch staatliche Zuweisungen gesetzlich gesichert (Dotationsgesetze 1873, 1875 und 1902). Auch die Stadt- und Landkreise steuerten mit einer Provinzialumlage dazu bei; ebenso standen den Provinzialverbänden eigene Vermögensmittel aus Kapital- und Grundbesitz zur Verfügung. 

Die längst überholte ständische Gliederung des Provinziallandtags wurde aufgehoben, die Abgeordneten gingen nun aus Wahlen der Kreistage und Stadtverordneten hervor. Die Verwaltung des Provinzialverbands wurde von einem Landesdirektor (seit 1897 Landeshauptmann) geleitet. Wichtigstes Organ war der Provinzialausschuss mit dem Landesdirektor als Vorsitzendem und vom Provinziallandtag gewählten Mitgliedern. Die heutigen Landschaftsverbände (seit 1953) Rheinland und Westfalen-Lippe im Land Nordrhein-Westfalen stehen in der historischen Tradition der früheren Provinzialverbände im Königreich sowie im Freistaat Preußen. 

Das Königreich Preußen entwickelte sich großenteils im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts im sozialökonomischen wie im kulturellen Bereich zu einer modernen Bürgergesellschaft, was auch wesentlich der Provinz am Rhein zu verdanken war. Die Leistungen der provinzialen Selbstverwaltung bei der Wohlfahrts- und Kulturarbeit, der kommunalen und provinzialen Infrastrukturentwicklung trugen weiter zum regionalen Eigen- und Selbstbewusstsein bei. Bildhaften Ausdruck verlieh diesem das neue, repräsentative Ständehaus am Schwanenspiegel in Düsseldorf, wo der Provinziallandtag seit 1881 tagte. Auch hinsichtlich des Standortes befand man sich am „richtigen“ Platz. Der Regierungsbezirk Düsseldorf war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der bevölkerungsreichste und wirtschaftlich bedeutendste der gesamten preußischen Monarchie. Das jährliche Steueraufkommen des Bezirks betrug allein etwas mehr als 10% des gesamtstaatlichen. Von hier ausgehende Anstöße und Initiativen erlangten häufig einen Vorbildcharakter. 

Literatur:

Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947, München 2007, hier: S. 580-647

Jürgen Herres und Bärbel Holtz, Rheinland und Westfalen als preußische Provinzen (1814-1888), in: Georg Mölich/ Veit Veltzke/ Bernd Walter (Hg.), Rheinland, Westfalen und Preußen. Eine Beziehungsgeschichte, Münster 2011, S. 113-208, hier S. 195-199

Jürgen Reulecke, Rheinland-Westfalen von den 1850er Jahren bis 1914: der Aufbruch in die Moderne, in: Detlef Briesen/ Gerhard Brunn/ Rainer S. Elkar/ Jürgen Reulecke (Hg.), Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte Rheinlands und Westfalens, Köln [u.a.] 1995, S. 79-128

Wilhelm Ribhegge, Preußen im Westen. Kampf um den Parlamentarismus in Rheinland und Westfalen 1789-1947, Münster 2008

Horst Romeyk, Verwaltungs- und Behördengeschichte der Rheinprovinz 1914-1945 (Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde 63), Düsseldorf 1985

Veit Veltzke, Rheinland und Westfalen: „Reichslande“ im wilhelminischen Kaiserreich (1888-1918), in: Georg Mölich/ Veit Veltzke/ Bernd Walter (Hg.), Rheinland, Westfalen und Preußen. Eine Beziehungsgeschichte, Münster 2011, S. 209-287, hier: S. 209-234 und 246-259

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