„Besitzergreifung“ und strukturelle Entwicklungen nach 1815

Bildung, Schule und Hochschule in der preußischen Rheinprovinz bis 1914

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn © shutterstock

Die unter der Federführung Wilhelm von Humboldts (1767-1835) entwickelten Bildungsreformen, die Preußen auch in seinen Rheinlanden nach 1815 auf den Weg brachte, waren grundlegend für ein Bildungssystem, das in Teilen noch unsere Gegenwart prägt. Während das humanistische Gymnasium und die Vereinheitlichung des höheren Schulwesens als zentralstaatliche Importe gelten dürfen, entfalteten sich im Volks-, Gewerbe- und Realschulwesen genuin rheinisch-westfälische Einflüsse.

Etwa mit der Herausbildung eines Berufsstandes der Volksschullehrer und deren professionalisierte Ausbildung durch die Einrichtung staatlicher Seminare für angehende katholische und evangelische Lehrer (Adolph Diesterweg). Während der Staat allmählich die allgemeine Schulpflicht durchsetzte, oblag der Unterhalt von Volksschulen den Städten und Gemeinden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war den Kirchen die geistliche Aufsicht ausdrücklich zugestanden. 1906 wurde das Prinzip der konfessionsgebunden katholischen, evangelischen und jüdischen Volksschulen gesetzlich verankert. Die in Preußen erreichten Alphabetisierungsquoten nahmen seit 1830 einen europaweiten Spitzenwert ein und hatten um 1900 den Stand von nahezu 100% erreicht. 

Die preußische Volksschule blieb den klein- und unterbürgerlichen Schichten vorbehalten, während Adel, Besitz- und Bildungsbürger ihre Söhne in privaten Elementarschulen, städtischen Progymnasien oder von Hauslehrern auf den Besuch eines altsprachlichen Gymnasiums vorbereiten ließen, dessen Abitur ab 1834 allein zum Besuch einer Universität berechtigte. Die von den Kommunen getragenen Real-, höheren Bürger und Gewerbeschulen dagegen waren Institute des kaufmännisch-gewerblichen Mittelstandes. Der Ausbau des Realschulwesens bis zu seiner funktionalen Eingliederung als mittlerer Schultypus folgte den sich ständig ausweitenden Anforderungen aus Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft und erhielt wichtige Impulse aus dem preußischen Westen. 

Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelten sich neue Schulformen der höheren realen Bildung zu gymnasialen „Vollanstalten“. Ab 1900 war das Abitur von Realgymnasien (neusprachlich) und Oberrealschulen (mathematisch-naturwissenschaftlich) dem der altsprachlichen Gymnasien gleichgestellt und berechtigte für alle Studiengänge. Die neuen Schulformen wurden in der Rheinprovinz überproportional gut angenommen, was eine sozialhistorisch wichtige Erweiterung des Hochschulzuganges bedeutete.

Weiterführende Bildung für Mädchen war im 19. Jahrhundert lange kein staatliches und gesellschaftliches Anliegen. Die  Rheinprovinz bildete insofern keine Ausnahme zu den allgemeinen gesellschaftlich-politischen Strukturen, Zwängen und Rollenbildern. Allerdings zeigten sich hier wiederum früh zukunftsweisende Entwicklungstendenzen. Mathilde von Mevissen (1848-1924) setzte sich dafür ein, dass 1903 das erste Mädchengymnasium Preußens in Köln eröffnen konnte. Die staatlichen Reformen im Jahr 1908 ermöglichten Frauen ein gleichberechtigtes Abitur und den Zugang zum Hochschulstudium. Neben den staatlichen Mädchengymnasien (Oberlyzeen) entstanden in der Rheinprovinz auch mittlere Mädchenschulen für Töchter aus niedrigeren sozialen Schichten. Das Curriculum war auf Sprachen, Handarbeit und Hauswirtschaft ausgerichtet sowie auf Berufsfelder in den Bereichen Lehramt und Erziehung. 1903 wurde das Königlich Preußische Lehrerinnenseminar in Koblenz gegründet. 

Auch im Hochschulbereich importierte der preußische Staat ein neues Modell. In der Rheinprovinz entstand 1818 in Bonn mit der dritten preußischen Reformuniversität nach Berlin und Breslau ein absolutes Novum. Mit der Immatrikulation zweier Hohenzollernprinzen in den 1840er Jahren an der „Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität“ (seit 1828) begann die Tradition in Bonn studierender Söhne aus der königlichen Familie, die mit den beiden späteren Kaisern Friedrich III. und Wilhelm II. fortgesetzt wurde. Angesehene Lehrpersönlichkeiten, moderne Forschungseinrichtungen und eine wachsende Studentenzahl ließen die Bonner alma mater neben Berlin, München und Leipzig bis 1914 zu einer der bedeutendsten deutschen Universitäten werden.  
In der industriereichen Rheinprovinz ist früh der Bedarf auch an wissenschaftlich ausgebildeten Ingenieuren und Kaufleuten artikuliert worden. Bereits 1870 wurde die heutige RWTH als Königlich Rheinisch-Westphälische Polytechnische Schule zu Aachen gegründet und 1879 als Hochschule anerkannt. Zwanzig Jahre später wurde ihr mit den anderen Technischen Hochschulen in Preußen auf Erlass Wilhelms II. das Promotionsrecht und die Vergabe des neuen akademischen Titels „Dr.-Ing.“ zuerkannt. 

Die 1901 in Köln errichtete Handelshochschule ging zunächst auf die Initiative der Gustav-Mevissen-Stiftung zurück. Auch andere bedeutende Bildungsträger wie z.B. die Königliche Kunstakademie in Düsseldorf (seit 1819), die Rheinische Musikschule Köln (seit 1845) oder die Königliche Maschinenbau- und Hüttenschule in Duisburg (seit 1891) trugen zur relativ dichten und differenzierten Bildungslandschaft in der wilhelminischen Rheinprovinz bei. Trotz vieler moderner Entwicklungen und Einrichtungen sowie seiner international anerkannten Effizienz machten sich im Schul- und Bildungswesen auch der späten der preußischen Monarchie noch Klassenschranken und altständisch-konservative Herrschaftsinteressen als retardierende Elemente geltend. 

Literatur: 

Hans-Jürgen Apel, Das preußische Gymnasium in den Rheinlanden und Westfalen 1814-1848, Köln 1984.

Hans-Jürgen Apel/ Michael Klöckler, Schulwirklichkeit in Rheinpreußen, Analysen und neue Dokumente zur Modernisierung des Bildungswesens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, (= Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Studien und Dokumentationen zur deutschen Bildungsgeschichte (Band 30)), Köln [u.a.] 1986

Kurt Düwell, Das Schul- und Hochschulwesen der Rheinlande, in: Franz Petri (Hg.), Rheinische Geschichte (Band 3), Düsseldorf 1979, S. 463-552

Gabriele Neghabian, Frauenschule und Frauenberufe, Ein Beitrag zur Bildungs- und Sozialgeschichte Preußens (1908-1945) und Nordrhein-Westfalens (1946-1974), (zugl. Bochum, Univ., Diss.), Köln 1993

Hartwin Spenkuch, Preußen – eine besondere Geschichte. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur 1648-1947, Göttingen 2019, S. 323-342

Veit Veltzke, „Reichslande“ im wilhelminischen Kaiserreich, in: Georg Mölich/ Veit Veltzke/ Bernd Walter (Hg.), Rheinland, Westfalen und Preußen. Eine Beziehungsgeschichte, Münster 2011, S. 262-263

Weitere Informationen: 

Biografie von Adolph Diesterweg (1790-1866) im Portal Rheinische Geschichte

Biografie von Mathilde von Mevissen (1848-1924) im Portal Rheinische Geschichte

Unterthemen: 

> Die Volksschulen

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